Die Weisheit Des Eunuchen: Historischer Kriminalroman

Die Weisheit Des Eunuchen: Historischer Kriminalroman

Autor : Jason Goodwin
Geschlecht : Bücher, Krimis & Thriller,
lesen : 4134
Herunterladen : 3445
Dateigröße : 22.90 MB
Format : PDF, ePub

Nimm dieses Buch

Die Weisheit Des Eunuchen: Historischer Kriminalroman

Über den Autor und weitere Mitwirkende Jason Goodwin, geboren 1964, studierte byzantinische Geschichte in Cambridge und hat ausgedehnte Reisen nach Indien und in den Nahen Osten unternommen. Auf seinen in zahlreiche Sprachen übersetzten Roman »Die Weisheit des Eunuchen«, der mit dem Edgar Allan Poe Award für den besten Kriminalroman ausgezeichnet wurde, folgten »Der Antiquar von Konstantinopel« und »Die Bellini-Verschwörung«. Sein literarischer Reisebericht »Von Danzig bis nach Istanbul. Zu Fuß durch das alte Europa« wurde  mit dem renommierten John Llewellyn Rhys Preis ausgezeichnet. Jason Goodwin lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern in Westsussex, England. Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten. 1Yaschim schnippte sich ein Staubkorn vom Ärmelaufschlag.»Eins noch, Marquise«, murmelte er.Sie blickte ihn ruhig an.»Die Papiere.«Die Marquise de Merteuil lachte leise auf.»Flûte! Monsieur Yaschim, das Wort Lasterhaftigkeit kennen wir in der Académie nicht.« Ihr Fächer wedelte verspielt; dahinter sagte sie beinahe zischend: »Es ist ein Geisteszustand.«Yaschim spürte bereits, wie sein Traum allmählich zerbröckelte.Die Marquise hatte ein Stück Papier aus ihrem Dekolleté gefischt und klopfte damit auf den Tisch wie mit einem kleinen Hammer. Er sah genauer hin. Es war ein kleiner Hammer.Klopf klopf klopf.Er öffnete die Augen und blickte sich um. Das Château de Merteuil löste sich im Kerzenschein auf. Unter den prall gefüllten Bücherregalen grinsten höhnische Schatten hervor, ebenso wie aus den Ecken des Raumes - besser gesagt, der anderthalb Räume, in denen Yaschim in Istanbul zur Miete wohnte. Die ledergebundene Ausgabe von Les Liaisons Dangereuses war ihm in den Schoß gefallen.Klopf klopf klopf.»Evet, evet«, brummte er. »Ich komm ja.« Er warf sich einen Umhang um die Schultern, schob die Füße in ein Paar gelbe Stoffschuhe und schlurfte zur Tür. »Wer ist da?«»Botenjunge.«Von Junge konnte nun wahrhaftig keine Rede mehr sein, dachte Yaschim, als er den dürren, alten Mann in das dunkle Zimmer ließ. In dem jähen Luftzug begann die einzige Kerze zu flackern. Sie warf ihre Schatten über die Wände, als boxten sie miteinander, bis der Schatten des Boten mit einem zuckenden Dolch auf den Schatten von Yaschim einstach. Yaschim nahm die Papierrolle und blickte auf das Siegel. Gelbes Wachs.Er rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Augen. Noch vor wenigen Stunden hatte er einen dunklen Horizont abgesucht, durch den Nieselregen nach Lichtern und sonstigen Anzeichen von Land Ausschau gehalten. Das flackernde Kerzenlicht rief ihm eine andere Lampe in Erinnerung, die in einer Kabine auf hoher See geschwankt hatte, im Rhythmus der Winterstürme. Der Kapitän, ein kräftiger Grieche mit gewölbter Brust und einem weißen Auge, hatte wie ein Pirat ausgesehen, und das Schwarze Meer war zu dieser Jahreszeit tückisch. Doch Yaschim hatte von Glück sagen können, überhaupt ein Schiff gefunden zu haben. Selbst in den schlimmsten Momenten der Fahrt, wenn der Wind in der Takelage heulte, die Wellen auf das Vordeck krachten und Yaschim in seiner schmale Koje hin und her geworfen wurde, bis er sich erbrechen mußte, war ihm bewußt gewesen, daß alles besser war, als den Winter in dem zerstörten Palast auf der Krim durchzustehen, umgeben von den Geistern furchtloser Reiter, aufgefressen von Kälte und düsterer Hoffnungslosigkeit. Er hatte nach Hause zurückkehren müssen.Mit einem Daumenschnippen brach er das Siegel.Während er sich auf die schnörkelige Schrift zu konzentrieren versuchte, hatte er noch immer den Geruch des Meeres in der Nase und meinte, daß der Boden unter seinen Füßen schwankte.Er seufzte und legte das Papier beiseite. An der Wand war eine Öllampe festgeschraubt, und er zündete sie mit der Kerze an. Die blaue Flamme leckte langsam an dem angekohlten Stoff. Yaschim setzte das Glas wieder auf und putzte den Docht, bis das unstete Licht gelb und ruhig wurde. Allmählich erhellte der Lampenschein den Raum.Er nahm die Papierrolle, die der Bote ihm gebracht hatte, und strich sie glatt.Grüße et cetera. Unten sah er die Unterschrift des Seraskiers, Stadtkommandant der Neuen Garde, der Armee des Osmanischen Reiches. Glückwünsche et cetera. Sein Blick wanderte nach oben. Er hatte Übung darin, das Wesentliche eines solchen Briefes in Sekundenschnelle zu erfassen. Da stand es auch schon, eingekeilt zwischen den Höflichkeiten: eine sofortige Einbestellung.»Und?«Der alte Mann nahm Haltung an. »Ich habe Anweisung, unverzüglich in die Kaserne zurückzukehren, in Ihrer Begleitung.« Er musterte Yaschims Umhang mit unsicherem Blick. Yaschim lächelte, nahm ein Stück Tuch und wickelte es sich um den Kopf. »Ich bin fertig angezogen«, sagte er. »Gehen wir.«Yaschim wußte, daß es keine große Rolle spielte, was er trug. Er war ein großer, gutgebauter Mann Ende Dreißig mit einer dichten, schwarzen Lockenmähne, ein paar weißen Strähnen, ohne Vollbart, aber mit einem krausen, schwarzen Schnurrbart. Er hatte die für Türken typischen hohen Wangenknochen und die schrägen, grauen Augen eines Volkes, das seit Tausenden von Jahren in der weiten eurasischen Steppe lebte. In einer europäischen Hose würde er vielleicht auffallen, aber in einem brauen Umhang - nein. Niemand nahm groß Notiz von ihm. Das war sein besonderes Talent, wenn es überhaupt ein Talent war. Wahrscheinlich handelte es sich dabei, wie die Marquise gesagt hatte, eher um einen Geisteszustand. Einen Zustand des Körpers.Yaschim besaß so manches - natürlichen Charme, eine Begabung für Sprachen und die Fähigkeit, seine grauen Augen ganz plötzlich erstaunlich weit aufzureißen. Sowohl Männer als auch Frauen waren schon in den Bann seiner Stimme geraten, noch ehe sie überhaupt sahen, wer da sprach. Und er war ein recht mutiger Mann.Oder jedenfalls fast ein Mann.Er gehörte zu jenen Geschöpfen, die selbst im Istanbul des 19. Jahrhunderts eine Seltenheit waren.Yaschim war ein Eunuch.2In den Gemächern der Glückseligkeit, im tiefsten, verbotensten Bereich des Topkapi-Palastes, rekelte sich der Sultan auf seinen Kissen und zupfte gereizt an der Satindecke, während er überlegte, was ihn in den kommenden Stunden amüsieren könnte. Ein Lied, dachte er, ein Lied soll es sein. Eine jener ausgelassenen, tscherkessischen Melodien: je trauriger das Lied, desto fröhlicher die Melodie.Er hatte überlegt, ob er sich einfach schlafend stellen sollte. Wieso nicht? Als Herr über das Schwarze und Weiße Meer, Herrscher von Rumelien und Mingrelien, Gebieter über Anatolien und Ionien, Rumänien und Makedonien, Protektor der heiligen Städte, stählerner Reiter durch die Reiche der Seligkeit, als Sultan und Pascha mußte er schließlich auch mal schlafen, oder etwa nicht? Vor allem wenn er die Macht über Griechenland je zurückerlangen wollte.Aber er wußte, was geschehen würde, wenn er sich schlafend stellte. Er hatte das schon einmal getan und alle Hoffnungen und Ambitionen der liebreizenden Gözde zerschmettert, der jungen Frau, die auserwählt worden war, in dieser Nacht das Bett mit ihm zu teilen. Die Folge wäre, daß er sich ihr Seufzen anhören müßte, woraufhin sie ihm zaghaft die Oberschenkel oder die Brust kraulen würde, und schließlich würden Tränen fließen. Dann würde ihn der ganze Harem einen Monat lang mit Blicken strafen.Sie müßte bald dasein. Er legte sich besser einen Plan zurecht. Am sichersten war vermutlich, sich von ihr besteigen zu lassen: Er war ziemlich dick, um ehrlich zu sein, und er wollte niemandem weh tun. Wenn er doch einfach nur mit Hadice, die fast genauso verschmust war wie er, im Bett liegen und sich die Füße rubbeln lassen könnte.Die Füße! Reflexartig zog er die Knie unter der Decke ein wenig höher. Alte Traditionen waren ja gut und schön, aber Sultan Mahmud II. würde auf gar keinen Fall zulassen, daß irgendein wohlduftendes tscherkessisches Mädchen die Decke anhob und vom Fuße des Bettes aus zum ihm hochkroch.Er hörte leichte Unruhe draußen auf dem Korridor. Instinktiv stützte er sich auf einen Ellbogen, zwang seine Gesichtszüge in ein Willkommenslächeln. Er hörte Geflüster. Vielleicht die Nerven in letzter Minute? Sträubte sich die verzückte Sklavin plötzlich? Ach was, eher unwahrscheinlich. Sie hatte es so weit geschafft: fast bis zu dem Augenblick, für den sie ausgebildet worden war, das Ereignis, auf das sie sich ihr Leben lang vorbereitet hatte. Wahrscheinlicher war eine eifersüchtige Kabbelei: Das sind meine Perlen!Die Tür ging auf. Doch es kam kein armreifgeschmücktes Sklavenmädchen mit wiegenden Hüften und vollen Brüsten herein, sondern ein alter Mann mit rot geschminkten Wangen und einer ausladenden...

Handbuch Erbbaurecht

Handbuch Erbbaurecht

Autor : Karl Winkler,jürgen Schlögel
Geschlecht : Bücher, Recht, Handels-, Gesellschafts- & Wirtschaftsrecht,
lesen : 1560
Herunterladen : 1300
Dateigröße : 8.64 MB
Kompendium Der Gleichnisse Jesu

Kompendium Der Gleichnisse Jesu

Autor : Ruben Zimmermann
Geschlecht : Bücher, Religion & Glaube, Christentum & Theologie,
lesen : 2418
Herunterladen : 2015
Dateigröße : 13.39 MB